UZ26 / GESCHICHTEN

Der Mann in Schwarz
und die grüne Weihnachtsfee

Ein Weihnachtswunder in Solothurn

Eine Geschichte von Ueli Zurmühle · UZ26

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UZ26 / MUSIK ZUR GESCHICHTE

Es bitzeli Wiehnacht ufghobe

Die Weihnachtsmelodie zur Geschichte – zum Anhören und Mitträumen.

Ueli in Schwarz und die grüne Weihnachtsfee Florina in Solothurn
Ein Mann ganz in Schwarz – Illustration mit Ueli und Florina
Ein Mann ganz in Schwarz

Am Heiligabend lag Schnee auf den Dächern von Solothurn. Er bedeckte die Fensterbänke, setzte den Brunnen kleine weisse Mützen auf und verwandelte die Gassen in ein Weihnachtsbilderbuch.

Auf dem Marktplatz schlossen die letzten Stände. Es duftete nach Zimt, heissen Marroni und einem letzten Blech Weihnachtsgebäck. Hinter den Fenstern leuchteten Sterne. Die Aare floss dunkel und ruhig unter den Brücken hindurch und trug die Spiegelbilder der Lichter mit sich.

Durch diese Stadt ging ein Mann ganz in Schwarz.

Sein Mantel war schwarz, sein Anzug war schwarz, und selbst sein Schal sah aus, als hätte er noch nie eine andere Farbe kennengelernt.

Nur die Schneeflocke auf seiner Nasenspitze hielt sich nicht an die Kleiderordnung.

Der Mann hiess Ueli.

Unter dem Arm trug er ein kleines Päckchen mit einer roten Schleife. Darin lag eine Spieldose. Wenn man sie aufzog, drehte sich ein winziges Tanzpaar zu einer Melodie, die er sehr mochte.

Ueli blieb vor einem beleuchteten Schaufenster stehen.

«So», sagte er zu seinem Spiegelbild. «Jetzt no hei.»

Aber er ging nicht weiter.

Zu Hause warteten eine stille Wohnung, ein kleiner Weihnachtsbaum und ein Kühlschrank, der beim Öffnen freundlicher leuchtete als die meisten Strassenlaternen.

«Immerhin», murmelte er, «isch öpper hell begeistert, wenn i cho.»

Da kicherte jemand hinter ihm.

Ueli drehte sich um.

Mitten auf dem verschneiten Pflaster stand eine Frau in einem smaragdgrünen Kleid.

Der Stoff schimmerte wie Tannennadeln im Sonnenlicht. In ihrem Haar glitzerten winzige goldene Sterne. Und hinter ihren Schultern bewegten sich zwei durchsichtige Flügel.

Ueli betrachtete sie.

Dann betrachtete er die Flügel.

«Dir isch scho klar, dass mer Winter hei?»

«Ja», antwortete sie. «Im Sommer ist dieses Kleid fast zu warm.»

«Und die Flügel?»

Sie blickte über ihre Schulter.

«Die gehören dazu.»

Ueli sah sich nach einer Kamera um.

«Isch das fürs Färnseh?»

«Nein. Für dich.»

Das gefiel ihm noch weniger.


Der verlorene Stern – Illustration mit Ueli und Florina
Der verlorene Stern

Die Frau trat näher. Ihre Schuhe hinterliessen kleine grüne Lichtpunkte im Schnee, die nach wenigen Sekunden wieder verschwanden.

«Ich heisse Florina.»

«Ueli.»

«Ich weiss.»

«Das säge immer die, wo öppis wöi verchoufe.»

Florina lachte. Es klang wie ein Löffel, der ganz vorsichtig an ein Kristallglas schlug.

«Ich verkaufe nichts. Ich brauche Hilfe.»

Ueli zog den Mantel enger.

«Bi mir? Du chasch flüge.»

«Ein bisschen.»

«Zaubere?»

«Manchmal.»

«Und trotzdem bruchsch mi?»

Florina nickte und öffnete ihre Hand.

Auf ihrer Handfläche lag ein kleiner goldener Stern. Eine seiner Spitzen war verbogen. Sein Licht flackerte so schwach, dass Ueli sich vorbeugen musste.

«Das ist ein Weihnachtsstern», erklärte sie. «Ich habe ihn vorhin am Aareufer gefunden.»

«Het en öpper verlore?»

«Ja. Aber ich weiss nicht, wer.»

«De bringe mer ne is Fundbüro.»

«Das ist geschlossen.»

Ueli überlegte.

«Typisch. Wenn me einisch es richtigs Problem het.»

Der Stern wurde noch ein wenig dunkler.

Florina betrachtete ihn besorgt.

«Wenn wir bis Mitternacht seinen Platz nicht finden, erlischt er.»

Ueli sah zur Turmuhr.

«Und wie findet me de Platz vo mene Stern?»

«Indem wir darauf achten, wann er heller wird.»

Eine Weile sagte Ueli nichts. Dann steckte er sein Päckchen vorsichtig in die Manteltasche.

«Guet. Aber wenn mer d Polizei begegnet, erklärsch du das mit de Flügel.»


Warme Hände und Marroni – Illustration mit Ueli und Florina
Warme Hände und Marroni

Auf dem Marktplatz versuchte ein älterer Marroniverkäufer, seinen Wagen zu schliessen.

Eine Kiste rutschte ihm aus den Händen. Papiertüten wirbelten über das Pflaster, und ein paar Marroni kullerten durch den Schnee.

Ueli bückte sich.

Florina ebenfalls.

Dabei blieb einer ihrer Flügel an einer Girlande hängen.

«Moment», sagte Ueli. «Du bisch verhedderet.»

«Feen helfen normalerweise aus etwas grösserer Entfernung.»

«Das gsehni.»

Vorsichtig löste er den Flügel. Gemeinsam sammelten sie die Tüten ein und hoben die Kiste auf den Wagen.

Der Verkäufer atmete auf.

«Danke. Meine Finger wollen heute nicht mehr recht.»

Ueli zog seine Handschuhe aus.

«Da. I ha no es Paar dehei.»

Das stimmte zwar, aber das andere Paar bestand aus einem linken Handschuh und einem rechten, den er seit Februar suchte.

Der Verkäufer nahm die Handschuhe zögernd entgegen. Dann griff er in seinen Wagen und gab ihnen eine warme Tüte Marroni.

«Zum Teilen.»

In Florinas Hand leuchtete der Stern auf.

Nur kurz.

Aber deutlich.

Ueli starrte ihn an.

«Hesch gseh?»

Florina nickte.

Sie gingen weiter. Ueli schälte eine Marroni und reichte sie ihr.

«Also. De Stern mag Marroni.»

«Vielleicht.»

«Wär verständlech.»


Ein Engel mit Weihnachtsfrisur – Illustration mit Ueli und Florina
Ein Engel mit Weihnachtsfrisur

Am Rand des Platzes sass ein Mädchen auf einer niedrigen Mauer. Neben ihm stand eine Frau mit mehreren Einkaufstaschen.

Das Mädchen weinte so leise, dass man es beinahe überhört hätte.

Ueli blieb stehen.

«Was isch passiert?»

Das Kind zeigte auf einen kleinen Holzengel in seinem Schoss. Ein Flügel war abgebrochen.

«Den habe ich für meinen Grossvater gemacht. Er kann nicht mehr zu uns kommen. Jetzt ist er kaputt.»

Florina kniete sich hin.

«Darf ich?»

Sie hielt die beiden Holzteile zusammen und strich mit einem Finger über die Bruchstelle.

Ein grünes Fünkchen hüpfte heraus.

Dann ein zweites.

Der Flügel hielt.

Allerdings wuchsen dem Engel plötzlich drei winzige Tannennadeln aus dem Kopf.

Florina räusperte sich.

«Das passiert gelegentlich.»

Das Mädchen betrachtete den Engel.

Dann begann es zu lachen.

«Jetzt hat er eine Weihnachtsfrisur!»

Auch die Mutter lachte. Sie setzte ihre schweren Taschen ab, als hätte sie gerade erst bemerkt, wie müde sie war.

Ueli nahm zwei davon.

«Wo müesst dir häre?»

«Nur bis zur nächsten Gasse.»

Sie begleiteten die beiden bis zur Haustür.

Als das Mädchen zum Abschied winkte, strahlte der Stern durch Florinas Finger hindurch.

Ueli sah ihn nachdenklich an.

Diesmal sagte er nichts von Marroni.


Die Melodie an der Aare – Illustration mit Ueli und Florina
Die Melodie an der Aare

Sie gingen hinunter zur Aare.

Auf dem Wasser zitterten goldene Lichtstreifen. Jenseits des Flusses lagen die Häuser ruhig unter ihren weissen Dächern. Eine Flocke landete auf Florinas Wimper, schmolz und hinterliess einen winzigen Tropfen.

Auf einer Bank sass ein alter Mann.

Neben ihm lag ein Stoffbeutel. In seinen Händen hielt er eine Fotografie.

Ueli wollte erst weitergehen. Dann blieb er stehen.

«Schöne Obe.»

Der Mann hob den Kopf.

«Ja. Das ist er.»

Ueli deutete auf die Bank.

«Isch no frei?»

Der Mann rückte ein Stück zur Seite.

Eine Weile schauten alle drei aufs Wasser.

Schliesslich zeigte der Alte ihnen das Foto. Darauf tanzte ein junges Paar in einem Saal. Die Frau lachte direkt in die Kamera.

«Meine Frau», sagte er. «Sie hat immer behauptet, ich könne nicht tanzen. Trotzdem hat sie mich jedes Mal wieder aufgefordert.»

Sein Daumen strich über den Rand des Bildes.

Ueli griff langsam in seine Manteltasche.

Er nahm das Päckchen heraus, löste die rote Schleife und öffnete die Spieldose.

Eine zarte Melodie erklang.

Der alte Mann hielt den Atem an.

«Die kenne ich.»

Ueli stellte die Dose zwischen sie auf die Bank.

Das winzige Paar drehte sich.

«Wir haben dazu getanzt», flüsterte der Mann. «An unserem ersten Weihnachtsfest.»

Florina schaute zu Ueli.

Er zuckte leicht mit den Schultern und schob die Spieldose näher zum alten Mann.

«De sött si bi Ihne bliibe.»

Der Mann wollte widersprechen, brachte aber zunächst kein Wort heraus.

In Florinas Hand wurde der Stern warm.

Sein Licht fiel auf die Fotografie, und für einen Augenblick sah es aus, als leuchteten die Fenster des alten Tanzsaals.


Von der Stadt her erklang eine Glocke.

Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht.

«Wir müssen weiter», sagte Florina leise.

Der alte Mann erhob sich.

«Wohin denn?»

Ueli sah Florina an.

Florina sah den Stern an.

Niemand wusste eine Antwort.

Da bemerkte Ueli auf der Rückseite der kleinen goldenen Form eine Öse.

Und darunter etwas Rotes.

Ein winziger Wollfaden.

«Das isch doch kei Stern vom Himmel», sagte er.

Florina beugte sich darüber.

«Nein», flüsterte sie. «Ein Anhänger.»

Der alte Mann setzte seine Brille auf.

«So einen habe ich heute gesehen. An einem kleinen Baum bei den Häusern hinter dem Marktplatz. Ein Junge hat ihn geschmückt.»

Jetzt begann der Stern zu pulsieren.

Hell.

Dunkel.

Hell.

«Also los», sagte Ueli.

Der alte Mann steckte die Spieldose ein.

«Ich komme mit.»


Ein kleiner Baum in einer Gasse – Illustration mit Ueli und Florina
Ein kleiner Baum in einer Gasse

In einer schmalen Gasse fanden sie den Baum.

Er war kaum grösser als ein Kind. Seine Äste waren ungleichmässig, und er stand in einem alten Blumentopf vor einer Haustür.

Daran hingen Papierketten, drei Nüsse und eine kleine rote Schleife.

Daneben sass ein Junge auf der Türschwelle.

Als er den Stern sah, sprang er auf.

«Den habe ich gesucht!»

Florina legte ihn in seine Hände.

Sofort wurde sein Licht ruhig und golden.

«Ist er von dir?», fragte sie.

Der Junge nickte.

«Meine Mutter arbeitet heute Nacht. Ich habe den Baum gemacht, damit sie etwas Schönes sieht, wenn sie heimkommt. Aber der Stern ist heruntergefallen. Dann war er weg.»

Er befestigte ihn sorgfältig am höchsten Zweig.

Nichts donnerte.

Keine Wolke öffnete sich.

Nur ein kleiner Baum leuchtete in einer schmalen Gasse.

Ueli stand davor und lächelte.

Da ging über ihnen ein Fenster auf.

«Was ist denn hier los?»

Eine Nachbarin im Morgenmantel schaute herunter.

Der Junge erklärte es ihr.

«Wartet», sagte sie.

Wenig später kam sie mit einer Kanne heisser Schokolade zurück.

Eine weitere Tür öffnete sich. Jemand brachte Weihnachtsguetzli. Der Marroniverkäufer kam auf seinem Heimweg vorbei und stellte seinen restlichen Vorrat dazu.

Dann erschienen das Mädchen und seine Mutter. Der Holzengel mit der Tannenfrisur bekam einen Platz am Baum.

Die Gasse füllte sich mit Stimmen.

Der alte Mann zog die Spieldose auf.


Ein Tanz und ein Weihnachtswunder – Illustration mit Ueli und Florina
Ein Tanz und ein Weihnachtswunder

Als die Glocken Mitternacht schlugen, nahm Florina Uelis Hand.

«Kannst du tanzen?»

Er sah auf seine Schuhe.

«Für das Pflaster längt’s hoffentlech.»

Sie legte eine Hand auf seine Schulter.

Er legte seine vorsichtig an ihre Taille.

Und dann tanzten sie.

Zwischen Blumentopf und Marroniwagen, unter Schneeflocken und geöffneten Fenstern, drehte sich der Mann in Schwarz mit der Fee in Grün.

Ihr Kleid schwang über den Schnee. Die Kinder klatschten. Der alte Mann wiegte sich lächelnd im Takt.

Als die Melodie endete, blieb Florina einen Moment ganz still vor Ueli stehen.

«Danke», sagte sie.

«Für was?»

Sie deutete auf die Menschen um den kleinen Baum.

Ueli schaute sich um.

Die Nachbarin schenkte dem alten Mann Schokolade nach. Das Mädchen zeigte dem Jungen seinen Engel. Jemand rückte einen Stuhl heran.

Er verstand.

«Ja», sagte er leise. «Das isch schön worde.»


Später gingen Ueli und Florina noch einmal ans Aareufer.

Auf der anderen Seite leuchtete Solothurn. Aus einer fernen Gasse hörten sie ein letztes Lachen.

«Musst du jetzt verschwinden?», fragte Ueli.

Florina blickte ihn an.

«Möchtest du das?»

«Nei.»

Sie nahm seine Hand.

Gemeinsam gingen sie durch den Schnee zurück zur Stadt.

Und vor einer kleinen Haustür brannte ein goldener Stern bis zum Morgen.

Als die Mutter des Jungen müde von ihrer Arbeit heimkam, fand sie darunter einen Teller Guetzli, eine Thermoskanne Schokolade und einen Zettel.

Darauf stand:

Für dich haben wir ein bisschen Weihnachten aufgehoben.